Home
Aufklärung
Trauer-Trauma
Debriefing
Artikel Dr. A.Jatzko
beschädigte Leben
GwG Vortrag
Nachsorge
Gedicht
Bilder + Publikationen
unsere Bücher
Ramsteingedenken
20. Jahrestag Ramstein
Birgenair 1996
Tsunaminachsorge
5. Tsunamigedenken
Erfahrung Air France Nachsorge Melanie
Pippo Pollina
Seminar
Evaluation MR
Kontakt und Feedback
Danke
Literatur
Bundesverdienstkreuz
Gästebuch
Impressum
 


Katastrophenhilfe: Schicksalsgemeinschaften/Hinterbliebenengruppen
                                              Sybille Jatzko

Menschen können nach Großschadensfällen Unsicherheit, Misstrauen und perma­nente Angst empfinden. Betroffenen hilft neben technisierten Betreuen –  Wert­schätzung, Vertrauen und  Resonanz

Der Tsunami im Dez. 2004, die Flugkatastrophe in Ramstein, das Zugunglück in Eschede, Verkehrsunfälle,  Raubüberfälle, individuelle Schicksalsschläge – all diesen Ereignissen ist gemeinsam, dass sie Menschen völlig unerwartet treffen; niemand kann sich auf so etwas vorbreiten.  Bei allen Katastrophen gibt es aber ein Danach – eine individuelle Ver­arbeitung des Unglücks. In dieser Phase lassen sich viele Gemeinsamkeiten finden, die eine professionelle Nachsorge der Opfer nutzen kann und sollte. Katastrophennachsorge auf der Basis personenzentrierter Grundhaltungen steht hier nach den Erfahrungen von  Sybille Jatzko an erster Stelle. Sie gibt einen Einblick in ihre jahrzehntelange Arbeit mit Menschen, die von Großschadensfällen und individuellen Katastrophen betroffen sind. Sie zeigt auf, welche unersetzliche Qualität personenzentrierte Haltungen insbesondere in der Nachsorge haben. Sie unterscheidet zwischen Trauma, Belastung und Trauer und erläutert, was betroffene Menschen in welcher Phase benötigen. Und sie verdeutlicht die herausragende Rolle, die Schicksalsgemeinschaften für Betroffene haben und welche Strukturen sie benötigen.

 „Auf das allgemeine Lebensrisiko haben wir nur begrenzt Einfluss.
Wie wir aber nach einem belastenden Ereignis mit den Menschen, die betroffen sind, um­gehen, unterliegt unserem Einfluss, und gibt Auskunft über die Haltungen derer, die diese Hilfe ausüben.“                                                                                   
S. Jatzko 1996

 Die Gedanken, die ich mitteilen werde, kommen aus der jahrelangen Erfahrung in der  Nachsorge der verschiedensten Großschadensereignisse. Schicksalsgemeinschaften zu bilden, wurde in den Jahren meiner Mitarbeit des LaJolla Programmes mit Bruce Meadow aus der Encounterbewegung geboren. 

Carl Rogers durfte ich persönlich 1982 in Königswinter bei Bonn kennen lernen. Ramstein, Birgenair, Kaprun (Chiemgaugruppe) Djerba - Betroffene, Treffen mit den Hin­terbliebenen des Massakers in Erfurt, Busunglück in Belgien (Hensis), und die Zusam­menkunft der Hinterbliebenen des Anschlages von Bali, des Unglückes von Kaprun, Tsunami-Nachsorge in Deutsch­land und in Thailand, sind jeweils die Ereignisse, wo ich eine Schicksalsgemeinschaft gebildet habe.
Seit sechs Jahren leite ich mit meinem Mann auch eine Traumagruppe in Kaiserslautern, an der traumati­sierte Menschen aus unterschiedlichen Ereignissen und Berufszweigen teilnehmen. Zudem bin ich in der Krisenintervention tätig, wenn die betroffenen Menschen nach Bank­überfällen psychosoziale Hilfe benötigen. Diese verschiedenen Wirkungsfelder ermöglichten mir, Unterscheidungen von Belastung, Trauma und traumatischer Trauer kennen zu lernen.

So sahen wir, dass die Menschen, die nach traumatischen Erfahrungen, die Hilfe durch Kriseninterventionen bekamen, diese begonnene Beziehung als wichtig und stützend er­lebten. Die stützende Hilfe ist nicht nur ausschlaggebend für alles was danach folgt, sondern lässt sich auch schwer an andere Helfer übergeben. Die Krisenintervention wird nach unseren Erfahrungen als „erste Hilfe für die Seele“ angenommen, auch wenn sie von ehrenamtlichen Helfern oder der Seelsorge angeboten wird. 

Wertschätzung
Der neurobiologischen Forschung gelang es bereits vor längerem, die beiden Systeme des Gehirns zu erforschen, die zum einen unseren Lebensantrieb, also unsere Vitalität regulieren und zum andern Stress- und Erregungszustände in Gang setzen können. Eine entscheidende Erkenntnis ist aber erst  in den letzten Jahren gelungen. Man fand heraus, welche Umstände vorhanden  sein müssen, um im Gehirn angesiedelte Vitalitätssysteme zu aktivieren. Ebenso welche Signale jenseits der physikalischen Bedürfnisse des Kör­pers das Erregungssystem aktiviert. Der entscheidende Stimulus für die Vitalitätssysteme (Motivationssysteme)  ist die Wertschätzung und Zuwendung anderer Menschen. Wert­schätzung und Zuwendung sind also keine Art Luxus der Moderne, sondern wie ein essentielles Vitamin, ohne das man über kurz oder lang krank wird. Das heißt: Wir brau­chen zwischenmenschliche Beziehungen, um leben zu können und gesund zu bleiben. Die Voraussetzungen für gute Beziehungen ist ein „Sehen“ und „Gesehen werden“. Wenn sie dieses spüren, dann erzeugt dieser Umstand Motivation. Nichtbeachtung ist ein Beziehungs- und Motivationskiller, und ein Ausgangspunkt für Aggressionen oder Depressivität.

Technisierte Verfahren sind Fehl am Platze
Ein ebenso wichtiges Element ist die emotionale Resonanz, also die Fähigkeit, zu einem gewissen Grade auf die Stimmungen eines anderen ein zu schwingen oder andere mit der eigenen Stimmung anzustecken. Da dieses schon ein notwendiger Faktor zum emoti­onalen Gesundbleiben ist, kann man sich ableitend schon vorstellen, wie wichtig gerade dieser Faktor ist, wenn eine Menschenseele einen Bruch erfahren hat, der die Existenz dieses Menschen in Frage stellt (Trauma). Ein traumatisierter Mensch erfährt zum ersten Mal in seinem Leben, dass die Sicherheit auf dieser Erde verloren gegangen ist. Da diese Erfahrung neu ist, sind auch die daraus entstehenden Symptome neu. In dieser sehr instabilen Zeit, bedeutet es für den Traumatisierten ein hohes Risiko, auf eine therapeuti­sche Beziehung einzugehen. Wenn wir nun hören, dass die Neurobiologie herausgefun­den hat, dass die Resonanz ein Überlebenselement ist, dann kann man erkennen, wie wichtig die Beziehung und das Entstehen von Vertrauen für den weiteren Heilungs­prozess ist. Berücksichtigt man die neu erlebte Unsicherheit, das neu entstandene Miss­trauen und die permanente Angst, es könnte wieder etwas geschehen, wird deutlich, dass jede Technik und Steuerung innerhalb technisierter Verfahren das Grundbedürfnis nach Vertrauen und Resonanz außer Acht lässt.

Die Unsicherheit die besonders im emotionalen Erleben entstanden ist, benötigt eine neue Erfahrung von Vertrauen, um Hoffnung und Motivation für das Überwinden von neuen Intrusionen sowie Belastungen zu gewinnen. Die technische Reduzierung von Bildern (z.B. durch EMDR), die eine Entlastung der Flashbacks erreichen kann, ermöglicht noch nicht zwingend ein seelisches Reifen, das nötig ist, um die erlebte Geschichte mit neuen Erkenntnissen  in den neuen Lebensabschnitt integrieren zu können.

Nichtdirektive Eingehen auf die Patientin/den Patienten, die/der in einer angstfreien und zwanglosen Atmosphäre erst wieder entspannen und damit Vertrauen entwickeln kann, ermöglicht ein langsames neues Kennenlernen. Die Therapeutin/der Therapeut  stellt keine Fragen, und so kann der Klient darüber sprechen, worüber er sprechen kann, so wie es ihm im Moment möglich ist. Gerade bei traumatisierten Patienten ist diese Selbst­bestimmung von besonderer Bedeutung. Nicht der Therapeut weiß, was für den Betroffe­nen besser ist, sondern der Traumatisierte ist der Experte seiner Gefühle. Spricht ein Betroffener zu viel, kann ein Flashback ausgelöst werden.  So kann als Hilfe zu Anfang eine Unterstützung gegeben werden, dass der Therapeut ihm versichert aufzupassen, damit kein erneuter Flashback ausgelöst wird. Das geschieht im Beobachten, ob die Erre­gung zunimmt, und wenn dies der Fall ist, kann beispielweise ein Stopschild aufgestellt werden. So beginnt der Patient das erste Mal zu erleben, dass er selber diese Flashbacks steuern kann. 

So zu sein wie früher kann nicht mehr erreicht werden
Im Selbsterleben, das durch diese Therapie gefördert wird, kann der Patient seine Verän­derungen angstfrei und ohne Bewertungen erleben und in das nun folgende Umgehen mit dem Trauma integrieren. Das Idealbild ist immer wieder der Wunsch, so zu sein wie früher, und dieses kann nach einem Trauma nicht mehr erreicht werden. Die negative Bewertung dieser Veränderung ist das Besondere, das mit sehr viel innerem Widerstand erlebt wird.  

Wenn Angehörigen die Nachricht überbracht wird, dass ein enger lieber Mensch bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, nimmt er diese Nachricht über die Ohren auf. Je nach Veranlagung reagiert ein Betroffener darauf unterschiedlich. Bei vielen erleben wir zuerst einen Schock. Eine der schwersten Belastungen, die eine Belastungsreaktion zur Folge hat. Die innere Welt erlebt eine Überflutung und reagiert mit einer Gefühlstaubheit, oder mit motorischer Unruhe bis hin zum Raptus (Zerstörungswut). Für den unter Schock stehenden Menschen benötigt es nun Zeit, um die blockierten Gefühle und Gedanken einzuordnen. Das geschieht in einem Prozess des langsamen Zulassens. Die erste Unterstützung, durch die wir in diesem Kontakt, Wärme und Verstehen vermitteln, be­deutet eine sehr dicht eingegangene Beziehung. 

Die Seele möchte das Geschehene nachvollziehen können
Um sich ein Bild zu machen, von dem, was die Verunfallten erlitten haben, und/oder auch dem Wunsch, Nähe zum Verstorbenen zu spüren, entsteht ein Sog an den Ort des Ge­schehens zu gehen. Unsere Seele möchte das Geschehene nachvollziehen können. Das Sehen ist unsere wichtigste Wahrnehmungsebene, und hierüber nehmen wir  die Realität auf. Diese Bilder beginnen dem Gefühlsleben die bittere Wahrheit zu vermitteln, um den inneren Widerstand, der das alles gar nicht wahrhaben will, zu überwinden. Die eigenen Phantasiebilder werden oft als viel schlimmer empfunden. Sind die Angehörigen jedoch vermisst, dann können die Augen diese Bilder nicht aufnehmen, und der innere Wider­stand des „nicht wahrhaben Wollens“ kämpft mit dem Gefühl, „dass es wohl doch wahr ist“. Daraus entsteht die Kompromisslösung „ Vermisstenstatus“. Diesen Status können wir heute noch auf den Kriegsdenkmälern sehen, wo die Vermissten separat genannt werden und dann die Gefallenen.

Die Zeit nach dem Verlust eines nahen Angehörigen ist eine sehr außergewöhnliche Zeit.  Viele Angehörige bestätigen mysteriöse Begegnungen oder erleben besondere Situatio­nen, die so gedeutet werden. Es hat sich gezeigt, dass erfolgreiche Unterstützungen ganz wesentlich von den eingegangenen und angenommenen Beziehungen abhängen. Ist eine Hinwendung warm und achtend, nicht frömmelnd- überstülpend und bewertetend und besser wissend, was nun gut für das Opfer sei, so fühlt sich der Betroffene aufgehoben. Andere Hilfsangebote, die anschließend wahrgenommen werden können, werden mit den vorherigen Erfahrungen abgeglichen. Manchmal erschwert dies, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, manchmal erleichtert es diesen Weg. 

Es gibt immer noch bei vielen Menschen das Vorurteil, dass psychologische Hilfe und Therapie doch eher etwas mit Krankheit zu tun hat und nicht mit schlimmen Erlebnissen. So zeigt sich immer wieder, dass viele Menschen besonders in der Trauer begleitet und nicht therapiert werden wollen. Das heißt aber nicht, dass diese erste Hilfe unterlassen werden sollte, sondern es ist meine Überzeugung, dass diese Hilfe unter Umständen länger angeboten werden sollte. Gute Ersthilfe ermöglicht den Zugang zur Langzeithilfe.

Das Entscheidende: die Beziehung
Als wir begannen, die Hinterbliebenen des Absturzes der Birgenairmaschine in der Domi­nikanischen  Republik zu begleiteten, waren bei dem ersten Treffen nicht nur Ramstein­hinterbliebene als Helfer dabei, sondern auch ein Notfallseelsorger. Wir hatten neben den persönlichen Schilderungen dieser Betroffenen auch eine vorsichtige Feier für ein Geden­ken entwickelt, denn es waren etliche Betroffene aus den neuen Bundesländern dabei, die nicht kirchlich gebunden waren. Trotzdem wurde dieses Gedenken als wohltuend empfunden. Für die Menschen aus den neuen Bundesländern wurde eine Tür für spiritu­elles Erleben geöffnet, ohne dass sie Kirche als missionarisch erlebten. Das mag sicher eine Ausnahme sein, aber auch bei der Begleitung der Tsunami Opfer in Thailand hat sich ebenso herausgestellt, dass die nichtdirektive Begleitung am Ort des Geschehens einen hohen Stellenwert hat. Es kommt auf die Beziehung an, die die Hinterbliebenen zu diesem Helfer entwickelt haben.   
Geht ein Helfer keine Beziehung zu den Betroffenen ein, was ich auch schon erlebt habe, dann kommen die Betroffenen nicht mehr und fühlen sich nicht aufgehoben. Ich bezwei­fele auch, ob diese Zusammenkünfte dann überhaupt einen Sinn erfüllen. 
Nach der Tsunamikatastrophe, sollte zunächst die Nachsorge für Vermissende über die Notfallseelsorge installiert werden. Diese gelang aber nur bedingt, da die Einstellungen, wie lange Notfallseelsorge die Menschen begleiten soll, im ganzen Bundesgebiet sehr unterschiedlich sind. Dafür wäre es sicher sinnvoll dieses Thema noch einmal aufzugrei­fen und bundesweit eine einheitliche Lösung zu finden.

Was braucht es nach der Akuthilfe?
Krisenintervention betreut Menschen im Akutfall und gibt sie dann in andere Hände ab. Das bedeutet, dass die Krisenhelfer schnell möchten, dass die Menschen selbständig sind, oder weiter betreuende Anlaufstellen vorschlagen.

Hierzu zwei wichtige nachdenkenswerten Überlegungen:
1.         Die zuerst gegebene Hilfestellung hinterlässt bei Opfern und Hinterbliebenen eine Prägung. Diese Prägung mit einer entstandenen Beziehung, kann zu einem emotional schwierigen Zeitpunkt der Opfer nicht so leicht an andere Personen delegiert werden. Die emotionalen Anstrengungen, sich erneut auf neue Menschen einzulassen, sind für man­che zu hoch. Außerdem wollen viele Hinterbliebene, die sich in Trauer befinden, eher Be­gleitung und nicht Therapie.

2.         Für Notfallseelsorger und Kriseninterventionsteams, verbleiben die begleiteten Men­schen überwiegend in ihren stärksten Notsituationen in der eigenen Erinnerung. Entlas­tungen für deren eigene Wahrnehmung und das eigene Abschließen eines bewegenden Einsatzes kommen kaum vor. Damit erhöht sich die Vulnerabilität dieser Helfer, ein „burn-out“ zu bekommen, psychosomatisch zu reagieren oder in bedrohlichen Einsätzen sogar selbst traumatisiert zu werden.

Nun möchte ich noch auf Traumatisierte und traumatische Trauer eingehen.
Eine traumatische Trauer haben eventuell jene Menschen, die wie bei der Tsunami- Katastrophe, selber lebensbedrohliche Situationen miterlebten und dabei einen oder mehrere Angehörigen verloren haben. Das Erlebte zu verarbeiten und den Verlust zu betrauen, ist deutlich erschwert. Dies liegt an den Veränderungen des Gehirns nach traumatischem Erleben. Da nach einem Trauma, die Reizleitung im Gehirn verändert ist, kommt es in erster Linie zu einer persönlichen Instabilität. Diese Instabilität kann sich nicht mit der traumatischen Situation konfrontieren, da sonst der veränderte Hirntraumaweg vertieft konditioniert und damit schlechter zu bewältigen wäre. Wenn Betroffene an das bedrohliche Ereignis denken, können sie in Flashbacks fallen. Hier ist eine persönliche Stabilisierung als erste Unterstützung notwendig. Da die Beziehung zum Ersthelfer für Traumatisierte den ersten stabilisieren­den Faktor ausmacht, ist ein Wechsel von begleitenden Personen besonders schwerwiegend und so manches Mal nicht zu leisten. Hierfür ist die Struktur an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Damit ist gemeint, dass uns durch die neuere Forschung immer klarer wird, was Traumatisierte benötigen und wünschen, sie wollen verstanden werden und eine vertrauensvolle und schützende Beziehung über einen längeren Zeitraum erleben.
Wenn es um die Begehung des Unfallortes geht oder wie beim Tsunami-Ereignis um den Ort der Katastrophe, dann ist der Unterschied von trauernden Hinterbliebenen zu den traumatisierten Trauernden, deutlich auszumachen. Die Trauernden, wie schon erwähnt, wollen so schnell wie möglich an den Ort des Geschehens, um Nähe zu spüren. Trauma­tisierte Trauernde können nicht schnell an den Ort des Geschehens, oder wenn, dann spüren sie große Verunsicherung, da sie Flashbacks befürchten.
Dies erlebte ich beispielsweise sehr deutlich in der Begleitung eines Vaters der Ramstein­katastrophe, der selber am Ort war, leichter verletzt überlebte, und dort seinen Sohn ver­loren hatte. Er wusste in den ersten Jahren nicht, ob er diesen Ort betreten wollte, oder nicht. Nach mehreren Gesprächen konnten wir das Traumageschehen wegdrängen, und er konnte sich ganz auf die Trauer um seinen Sohn konzentrieren. Dieses war nur in der Begleitung und dem Wissen möglich, welche Mechanismen hier hilfreich sind. Erst nach drei Jahren konnte er an die Aufschlagstelle mitkommen.

Bei der Vorbereitung zum 1. Jahrestag der Tsunami- Katastrophe waren für traumatisierte Trauernde viele Gespräche notwendig zur Klärung dessen, was sie dort am Ort erwarten könnte. Bei einigen Betroffenen war die Furcht, alles wieder so grausam erleben zu müs­sen, sehr groß und die unterstützende Begleitung  gewünscht. Viele waren aber für diesen ersten Jah­restag noch nicht bereit, dort hinzufahren.  

Trauma entsteht durch Miterleben  
Wenn Menschen den plötzlichen Tod eines geliebten Menschen mitgeteilt bekommen, dann ist dieses, wie oben ausgeführt,  eine Information durch das Sinnesorgan Ohr und damit untergeordnet. Das heißt, es handelt sich hier um eine schwere Belastung, und dies hat eine Belastungsreaktion zur Folge. Es ist jedoch kein Trauma und keine traumatische Trauer und erzeugt keine posttraumatische Belastungsreaktion, auch wenn die ersten Symptome ähnlich sein können. Wird dieses nicht gut differenziert, dann fühlen sich trau­matisierte Menschen wiederum nicht verstanden. Trauer, auch der plötzliche Verlust ist etwas „Normales“ im Leben, auch wenn Menschen Tod und Sterben im Alltag verdrängen und mit dieser Nachricht nicht umgehen können, ist es kein Trauma. Trauma hingegen entsteht durch das Miterleben von Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit und bedingt hierdurch den Verlust an Lebenssicherheit. Hieraus kann eine posttraumatische Belastungsreaktion, bis zur Chronifizierung hin, entstehen. Trauma ist qualitativ von der Belastung abzugren­zen. Hirnorganisch ist es unterschiedlich platziert.

Wir haben nach der Tsunamikatastrophe in unseren Gruppen mehrere Teilnehmer, die ihre begonnene Therapie abgebrochen haben. Durch Nachfragen war am Deutlichsten immer wieder das Gefühl.“ ich werde überhaupt nicht verstanden.“  Dieses Verstanden-

werden erlebten die Teilnehmer deutlich in der Gruppe der Schicksalsgemeinschaft. Die Menschen, die dieses Schicksal mit ihnen zusammen teilen, können andere Mitbetroffene sehr gut verstehen. Das wiederum hilft den Traumatisierten, sich nicht nur auf sich selbst und ihr eigens Erleben zu konzentrieren, sondern ebenso andere Menschen zu hören. 

Vorteile der Schicksalsgemeinschaft
Bei schwer traumatisierten Menschen gibt es immer wieder einen Zeitpunkt, an dem sie ihre Geschichte nicht erzählen können und auch wenig sprechen. Sie fühlen sich dann in der Einzeltherapie überfordert. In der Gruppe jedoch können sie teilnehmen und dabei sein, ohne viel sprechen zu müssen. Sie lernen diesen Zustand auszudrücken und Ach­tung und Respekt für sich zu bekommen. Wenn die innere Welt stabiler ist, dann klinken sie sich wieder in die Gespräche ein und können sich öffnen. Sie können sich durch die Schilderung von anderen Teilnehmern innerlich vom eigenen Trauma distanzieren und doch handelt sich es um ihre eigenen mitgeteilten Gefühle.

Ist Vertrauen in die Gruppe und in den Therapeuten vorhanden, erlauben sich die Teil­nehmer auch mitzuteilen, dass es Zeiten von Lebensüberdruss bis hin zu Suizidgedanken gibt. Diese Mutlosigkeit tritt häufig nach einer längeren Zeit ein, wenn Traumatisierte das neu aufgenommen Leben als sehr schwer und belastend empfinden. Verstanden werden ohne Bewertung zu erfahren, ermöglicht ihnen, neue Bewältigungsformen zu finden. Innerhalb der Gruppe werden auch Fortschritte und Veränderungen mitgeteilt und reflek­tiert. Beides bedeutet den Betroffenen viel, da sie derartige Weiterentwicklungen häufig selber nicht wahrnehmen. 

In den letzten Jahren hat sich für uns ein besonderes Problem gezeigt: Wenn ein Trau­matisierter während des lebensbedrohlichen Ereignisses ein Nahtodeserlebnis hatte, dann bleiben in seinem Erleben diese Momente des „unglaublich Schönen und Erlösen­den“ zurück. Das nun neu aufgenommene Leben erfährt aber Symptome  wie Schreck­haftigkeit, Angst, Schlaflosigkeit, Vermeidung vom Ähnlichem, Wutausbrüche, Gefühls­taubheit, keine Liebe mehr empfinden können, keine Lust auf Begegnungen haben, immer mehr die Ruhe erleben wollen, sich zurückziehen, usw. Ist diese Symptomatik sehr heftig, dann entsteht ein tiefer Sog wieder in dieses erlösende Gefühl zu kommen und von dem belastenden Leben erlöst zu werden.  Diese Erfahrung unterhält eine latente Suizi­dalität. Gerade für diese Menschen ist das Vertrauen und die Beziehung ein neuer verlässlicher Anker im neu aufgenommenen Leben und ermöglicht, immer wieder Mut zu fassen und das Leben anzunehmen.

 Top