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Das beschädigte Leben
Biografien erleiden Brüche                                          
Sybille Jatzko

Der Tsunami im Dez. 2004, die Flugtagskatastrophe in Ramstein, das Zugunglück in Eschede, Verkehrsunfälle,  Raubüberfälle, individuelle Schicksalsschläge – all diesen Ereignissen ist gemeinsam:  dass  Menschen völlig unerwartet getroffen werde, niemand kann sich auf so etwas vorbreiten.  Der Lebenslauf erhält einen Bruch. Bei allen Katastrophen gibt es aber ein Danach – eine individuelle Ver­arbeitung des Unglücks.

„Auf das allgemeine Lebensrisiko haben wir nur begrenzt Einfluss.
Wie wir aber nach einem belastenden Ereignis mit den Menschen, die betroffen sind, um­gehen, unterliegt unserem Einfluss, und gibt Auskunft über die Haltungen derer, die diese Hilfe ausüben.“                                                                                       
 S. Jatzko 1996

Ramstein, Birgenair, Kaprun (Chiemgaugruppe) Djerba - Betroffene, Treffen mit den Hin­terbliebenen des Massakers in Erfurt, Busunglück in Belgien (Hensis), und die Zusam­menkunft der Hinterbliebenen des Anschlages von Bali, des Unglückes von Kaprun, Tsunami-Nachsorge in Deutsch­land und in Thailand, sind jeweils die Ereignisse, wo ich eine Schicksalsgemeinschaft gebildet habe, die Menschen kennengelernt habe, die nach den Brüchen in ihrer Biographie das Leben neu gestalten und entwickeln mussten. 

Wertschätzung
Der neurobiologischen Forschung gelang es bereits vor längerem, die beiden Systeme des Gehirns zu erforschen, die zum einen unseren Lebensantrieb, also unsere Vitalität regulieren und zum andern Stress- und Erregungszustände in Gang setzen können. Eine entscheidende Erkenntnis ist aber erst  in den letzten Jahren gelungen. Man fand heraus, welche Umstände vorhanden  sein müssen, um im Gehirn angesiedelte Vitalitätssysteme zu aktivieren. Ebenso welche Signale jenseits der physikalischen Bedürfnisse des Kör­pers das Erregungssystem aktiviert. Der entscheidende Stimulus für die Vitalitätssysteme (Motivationssysteme)  ist die Wertschätzung und Zuwendung anderer Menschen. Wert­schätzung und Zuwendung sind also keine Art Luxus der Moderne, sondern wie ein essentielles Vitamin, ohne das man über kurz oder lang krank wird. Das heißt: Wir brau­chen zwischenmenschliche Beziehungen, um leben zu können und gesund zu bleiben. Die Voraussetzungen für gute Beziehungen ist ein „Sehen“ und „Gesehen werden“. Wenn sie dieses spüren, dann erzeugt dieser Umstand Motivation. Nichtbeachtung ist ein Beziehungs- und Motivationskiller, und ein Ausgangspunkt für Aggressionen oder Depressivität.

Ein ebenso wichtiges Element ist die emotionale Resonanz, also die Fähigkeit, zu einem gewissen Grade auf die Stimmungen eines anderen ein zu schwingen oder andere mit der eigenen Stimmung anzustecken. Da dieses schon ein notwendiger Faktor zum emoti­onalen Gesundbleiben ist, kann man sich ableitend schon vorstellen, wie wichtig gerade dieser Faktor ist, wenn eine Menschenseele einen Bruch erfahren hat, der die Existenz dieses Menschen in Frage stellt (Trauma). Ein traumatisierter Mensch erfährt zum ersten Mal in seinem Leben, dass die Sicherheit auf dieser Erde verloren gegangen ist. Da diese Erfahrung neu ist, sind auch die daraus entstehenden Symptome neu. In dieser sehr instabilen Zeit, bedeutet es für den Traumatisierten ein hohes Risiko, auf eine therapeuti­sche Beziehung einzugehen. Wenn wir nun hören, dass die Neurobiologie herausgefun­den hat, dass die Resonanz ein Überlebenselement ist, dann kann man erkennen, wie wichtig die Beziehung und das Entstehen von Vertrauen für den weiteren Heilungs­prozess ist. Berücksichtigt man die neu erlebte Unsicherheit, das neu entstandene Miss­trauen und die permanente Angst, es könnte wieder etwas geschehen, wird deutlich, dass sich die eigene Lebensbiographie verändert hat und vieles neu gelernt werden muss. 

Die Unsicherheit, die besonders im emotionalen Erleben entstanden ist, benötigt eine neue Erfahrung von Vertrauen, um Hoffnung und Motivation für das Überwinden von neuen Intrusionen sowie Belastungen zu gewinnen. Die technische Reduzierung von Bildern, die eine Entlastung der Flashbacks erreichen kann, ermöglicht noch nicht zwingend ein seelisches Reifen, das nötig ist, um die erlebte Geschichte mit neuen Erkenntnissen  in den neuen Lebensabschnitt integrieren zu können.

Nichtdirektive Eingehen auf die Patientin/den Patienten, die/der in einer angstfreien und zwanglosen Atmosphäre erst wieder entspannen und damit Vertrauen entwickeln kann, ermöglicht ein langsames neues Kennenlernen. Gerade bei traumatisierten Patienten ist diese Selbst­bestimmung von besonderer Bedeutung. Nicht der Therapeut weiß, was für den Betroffe­nen besser ist, sondern der Traumatisierte ist der Experte seiner Gefühle. Spricht ein Betroffener zu viel, kann ein Flashback ausgelöst werden.  So kann als Hilfe zu Anfang eine Unterstützung gegeben werden, dass der Therapeut ihm versichert aufzupassen, damit kein erneuter Flashback ausgelöst wird. Das geschieht im Beobachten, ob die Erre­gung zunimmt, und wenn dies der Fall ist, kann beispielweise ein Stoppschild aufgestellt werden. So beginnt der Patient das erste Mal zu erleben, dass er selber diese Flashbacks steuern kann. 

Trauma entsteht durch Miterleben  
Trauma entsteht durch das Miterleben von Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit und bedingt hierdurch den Verlust an Lebenssicherheit. Hieraus kann eine posttraumatische Belastungsreaktion, bis zur Chronifizierung hin, entstehen. Trauma ist qualitativ von der Belastung abzugren­zen. Hirnorganisch ist es unterschiedlich platziert.

Beschreibung von Eric, Fotograph in New York.
Am 11.9.2001 hörte ich in meiner Wohnung, die sich c.a.700 mtr. vom World Trade Center entfernt befindet, ein sehr lautes Geräusch. Ich sah aus dem Fenster und sah Rauch aus dem WTC kommen. Dann schnappte ich mir meine Kamera und lief zum WTC. Auf dem Wege zum WTC sah ich das zweite Flugzeug einschlagen. Dann begann ich Aufnahmen zu machen.
Am Fuße des WTC stand ich vor einer kleinen Kirche. Ich sah am WTC in die Höhe und machte Fotos. Dann begann es mir unheimlich zu werden und ich hatte das Gefühl mich da nicht weiter aufzuhalten. Ich lief eine Straße hinunter bis zu einer Ecke. Ich hatte dort das Gefühl jeder Zeit um die Ecke laufen zu können. Ich sah wie die Menschen sich aus dem Fenster stürzten und sah Hände, Finger, Beine und Arme herumliegen. Meine innere Welt hatte sich auf Autopilot gestellt und ich fotografierte ohne ein empfinden. Dann begann das erste WTC einzukrachen und ich lief in der Straße in einen Hausflur hinein. Dort standen schon einige andere Menschen. Durch die Wucht des Zusammenfallens fühlte ich mein Leben unmittelbar bedroht, dachte  an meine Familie und die Personen, die ich sehr liebe und dachte ich wolle noch nicht sterben. Ich glaube, dass die Wucht dieses Zusammenfallens durch diese Kirche, die direkt davor stand, abgelenkt wurde, ich glaube diese Kirche hat mir das Leben gerettet. Dann kam dieser unglaubliche Dreck die Staubwolke, die alles in ein völliges Schwarz  tauchte. Nun hatte ich das Gefühl, dass ich ersticken müsste, denn ich bekam keine Luft. Irgend welche Leute in diesem Hauseingang sagten, dass ich nach untern den Kopf nehmen solle und so ging es dann etwas besser. Die Beziehungen zu meinen Freunden und die Gespräche mit ebenso Betroffenen und das Zeigen und Anschauen meiner und anderer Fotos haben mir die Chance gegeben alles besser einzuordnen und doch spüre ich das mein Leben sich verändert hat. Ich bin über Nacht ernst geworden.  

So zu sein wie früher kann nicht mehr erreicht werden
Im Selbsterleben, das durch eine Therapie gefördert wird, kann der Patient seine Verän­derungen angstfrei und ohne Bewertungen erleben und das Trauma in das veränderte Leben integrieren. Das Idealbild ist immer wieder der Wunsch, so zu sein wie früher, und dieses kann nach einem Trauma nicht mehr erreicht werden. Die negative Bewertung dieser  Veränderung erschwert ein Anders - sein, und durch Kennenlernen der Intrusionen mit Wiedergewinnen von Selbstsicherheit kann ein Versöhnen von Lebensbrüchen erreicht werden.

Die Seele möchte das Geschehene nachvollziehen können
Wenn Angehörigen die Nachricht überbracht wird, dass ein enger lieber Mensch bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, nimmt er diese Nachricht über die Ohren auf. Je nach Veranlagung reagiert ein Betroffener darauf unterschiedlich. Bei vielen erleben wir zuerst einen Schock. Eine der schwersten Belastungen, die eine Belastungsreaktion zur Folge hat. Die innere Welt erlebt eine Überflutung und reagiert mit einer Gefühlstaubheit, oder mit motorischer Unruhe bis hin zum Raptus (Zerstörungswut). Für den unter Schock stehenden Menschen benötigt es nun Zeit, um die blockierten Gefühle und Gedanken einzuordnen. Das geschieht in einem Prozess des langsamen Zulassens. Da dieses kein Trauma ist bleiben keine dauerhaften Hirnveränderungen zurück.  Die erste Unterstützung, durch die wir in diesem Kontakt, Wärme und Verstehen vermitteln, be­deutet eine sehr dicht eingegangene Beziehung.

Um sich ein Bild zu machen, von dem, was die Verunfallten erlitten haben, und/oder auch dem Wunsch, Nähe zum Verstorbenen zu spüren, entsteht ein Sog an den Ort des Ge­schehens zu gehen. Unsere Seele möchte das Geschehene nachvollziehen können. Das Sehen ist unsere wichtigste Wahrnehmungsebene, und hierüber nehmen wir  die Realität auf. Diese Bilder beginnen dem Gefühlsleben die bittere Wahrheit zu vermitteln, um den inneren Widerstand, der das alles gar nicht wahrhaben will, zu überwinden. Die eigenen Phantasiebilder werden oft als viel schlimmer empfunden. Sind die Angehörigen jedoch vermisst, dann können die Augen diese Bilder nicht aufnehmen, und der innere Wider­stand des „nicht wahrhaben Wollens“ kämpft mit dem Gefühl, „dass es wohl doch wahr ist“. Daraus entsteht die Kompromisslösung „ Vermisstenstatus“. Diesen Status können wir heute noch auf den Kriegsdenkmälern sehen, wo die Vermissten separat genannt werden und dann die Gefallenen.

Die Zeit nach dem Verlust eines nahen Angehörigen ist eine sehr außergewöhnliche Zeit.  Viele Angehörige bestätigen mysteriöse Begegnungen oder erleben besondere Situatio­nen, die so gedeutet werden. Es hat sich gezeigt, dass erfolgreiche Unterstützungen ganz wesentlich von den eingegangenen und angenommenen Beziehungen abhängen. Ist eine Hinwendung warm und achtend, nicht frömmelnd- überstülpend und bewertetend und besser wissend, was nun gut für das Opfer sei, so fühlt sich der Betroffene aufgehoben. Andere Hilfsangebote, die anschließend wahrgenommen werden können, werden mit den vorherigen Erfahrungen abgeglichen. Manchmal erschwert dies, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, manchmal erleichtert es diesen Weg. 

Beschreibung einer Hinterbliebenen des Absturzes der Birgenairmaschine in der Dominikanischen Republik 1996. Sie verlor  4 Personen.
(Tochter, Schwiegersohn und zwei Enkelkinder. Alle wohnten in einem Haus.)

Heute ist Mittwoch, der 7.2.1996. Wir haben die erste Karte von unseren Kindern aus der Dom Republik erhalten, aber sie kommen ja heute aus dem Urlaub zurück und haben sicher viel zu erzählen.
Es ist ein strahlend schöner Tag. Herbert möchte nach Schönefeld fahren sie abholen. Ich habe keine Lust denn sie kommen ja doch gleich zu uns. Wir freuen uns über das schöne Flugwetter, bald werden wir Christiane, Günther, Juliane und Julian endlich wiedersehen. Ich habe Sehnsucht.
Gestern Abend gegen 23 Uhr habe ich zu den Sternen gesehen und innig an meine Kinder gedacht. Jetzt ist es 13 Uhr wir wollen essen. Herbert schaltet das Radio ein. Als erstes die schreckliche Nachricht
„Heute Morgen ist eine Boeing 757 mit 189 Passagieren an Bord kurz nach dem Start ins Meer gestürzt
Wir sehen uns an, das sind unsere Kinder. Oh nein ! Ich kann es nicht glauben, das kann nicht sein! Es fliegen ja noch mehr Maschinen .nicht diese nein! Sie werden nicht dabei sein, außerdem können sie schwimmen, das Wasser ist warm. Nein nicht unsere Kinder! Das Essen bleibt unberührt stehen. Herbert ist da realistischer für ihn ist es schon bittere Wahrheit. Er ruft Käthe an sie hat es auch gehört und kommt sofort sie ist erschüttert Was tun? Wir werden aufgefordert das Fernsehen einzuschalten   Auch hier Fassungslosigkeit überall fassungslose verstörte weinende Menschen. Wir sehen den Hausmeister aus der Herberge unserer Kinder mit ihren Mänteln und Jacken über dem Arm, er sollte sie abholen. Keine weiteren Nachrichten Fassungslosigkeit Tränen Hilflosigkeit, Leere ! Das kann nicht wahr sein, warum? Immer wieder die Frage warum? Was ist zu tun? Gibt es Überlebende? Wo erfahren wir ob sie überhaupt an Bord waren? Ich rufe alle genannten Nummern an, besetzt. Endlich das Auswärtige Amt. Rufen sie später an wir haben noch keine Passagierliste. Banges warten, bis jetzt keine Überlebende. Ich bin wie gelähmt, kann keinen klaren Gedanken fassen   Warum? Sie sind doch noch so jung, haben ein ganzes Leben vor sich soll es für die Kinder zu  Ende sein bevor es begonnen hat? Warum gerade sie ? Wir verständigen unsere Söhne Ralph und Uwe .Sie kommen sofort. Sprachlosigkeit der Schock sitzt tief. Noch nie hat mich ein Schmerz so tief getroffen, es ist so unbegreiflich, warum gerade wir? Ich habe immer noch eine trügerische Hoffnung, dass Christiane, Günther, Julchen und Julian überlebt haben. Man glaubt nicht wie lange ein Mensch hoffen kann die Phantasie schlägt Kapriolen, ich klammere mich an jeden Funken Hoffnung ich will es einfach nicht wahr haben, meine Seele ist zerrissen. Wie sollen wir weiterleben? Die Ungewissheit wird zur bitteren Wahrheit, Sie waren an Bord die Bildzeitung hat die Passagierliste veröffentlicht. Die Zerreißprobe geht weiter, Leichen werden geborgen, erst nur wenige dann immer mehr, Wir hoffen wieder, nun auf die Toten. Werden wir sie wenigsten bei uns bestatten können?
Wir brauchen Hilfe, aber von wem? Keiner fühlt sich zuständig   Der Arzt verschreibt Beruhigungsmittel und Schlaftabletten. Wir brauchen einen klaren Kopf nichts zur Betäubung, es klappt. Wochen vergehen ohne Nachricht mit bangen Tagen und Nächten. Endlich das LKA meldet sich bei uns möchte Personenbeschreibungen, besondere Merkmale. Bilder zur Identifizierung. Sie nehmen in der Wohnung Fingerabdrücke suchen Haare. Wir müssen in die Wohnung Papiere suchen. Bs gibt Dinge über die man im Leben nicht spricht, wer denkt auch an den Tod und doch ist es so wichtig die Dinge im Leben zu ordnen das sollte man nicht versäumen, Vor der Haustür liegen Blumen. Ich breche fast zusammen als wir die Wohnung betreten. Sie sind plötzlich so nah und doch werden sie ihr Heim nie mehr betreten. Wir können unsere Enkel nie wieder in die Arme schließen   Alles sieht aus ab würden sie jeden Moment die Wohnung betreten, (im Zimmer von Julian steckt noch der Akku in der Steckdose die Rennbahn ist aufgebaut Überall verlassenes Spielzeug. Wie geht es weiter? Versicherungen angefangener Hausbau, Banken Sparkasse, wer weiß Bescheid, wer kann helfen? Wir sind überfordert keine Hilfe von außen. Unsere Kinder unterstützen uns so gut sie können .Jetzt Mitte März ein Anruf vom LKA. Eine der gefundenen Frauen könnte Christiane sein. Es ist verrückt aber wir klammern uns an den Gedanken, und empfinden sogar Dankbarkeit wenn wir sie zurückbekommen. 2 Tage banges Warten, dann die traurige und doch so erlösende Gewissheit. Christiane es sind deine Fingerabdrücke. Und die anderen ? Es wurden keine Kinder gefunden und Günther? Die Untersuchungen sind abgeschlossen. Jetzt können wir die Trauerfeier für alle halten aber nur eine Urne besetzen. Sie ist rund wie der Erdball, blau wie der Himmel und das Meer mit goldenem Mond und Sternen, wilde Orchideen, 3 Schleifen mit den Namen von Günther Juliane und Julian halten sie umschlungen . Wir setzen sie mit überwältigender Anteilnahme am 29,3. 96 auf dem Friedhof in Ludwigsfelde bei .Hier soll auch unsere Ruhestätte sein.
In der Schicksalsgemeinschaft (Nachsorgegruppe) wurden diese Geschichten besprochen und mit diesem Lebensbruch der die Zukunft in Frage stellt kann die Seele etwas Hoffnung schöpfen, wenn man sich nicht alleine fühlt und spürt, dass so viele andere Betroffene diesen Schmerz aushalten müssen.

Das Entscheidende: die Beziehung
Als wir begannen, die Hinterbliebenen des Absturzes der Birgenairmaschine in der Domi­nikanischen  Republik zu begleiteten, waren bei dem ersten Treffen nicht nur Ramstein­hinterbliebene als Helfer dabei, sondern auch ein Notfallseelsorger. Wir hatten neben den persönlichen Schilderungen dieser Betroffenen auch eine vorsichtige Feier für ein Geden­ken entwickelt, denn es waren etliche Betroffene aus den neuen Bundesländern dabei, die nicht kirchlich gebunden waren. Trotzdem wurde dieses Gedenken als wohltuend empfunden. Für die Menschen aus den neuen Bundesländern wurde eine Tür für spiritu­elles Erleben geöffnet, ohne dass sie Kirche als missionarisch erlebten. Das mag sicher eine Ausnahme sein, aber auch bei der Begleitung der Tsunami Opfer in Thailand hat sich ebenso herausgestellt, dass die nichtdirektive Begleitung am Ort des Geschehens einen hohen Stellenwert hat. Es kommt auf die Beziehung an, die die Hinterbliebenen zu diesem Helfer entwickelt haben.   

Traumatische Trauer
Eine traumatische Trauer haben eventuell jene Menschen, die wie bei der Tsunami- Katastrophe, selber lebensbedrohliche Situationen miterlebten und dabei einen oder mehrere Angehörigen verloren haben. Das Erlebte zu verarbeiten und den Verlust zu betrauen, ist deutlich erschwert. Dies liegt an den Veränderungen des Gehirns nach traumatischem Erleben. Da nach einem Trauma, die Reizleitung im Gehirn verändert ist, kommt es in erster Linie zu einer persönlichen Instabilität. Diese Instabilität kann sich nicht mit der traumatischen Situation konfrontieren, da sonst der veränderte Hirntraumaweg vertieft konditioniert und damit schlechter zu bewältigen wäre. Wenn Betroffene an das bedrohliche Ereignis denken, können sie in Flashbacks fallen. Hier ist eine persönliche Stabilisierung als erste Unterstützung notwendig. leisten. Damit ist gemeint, dass uns durch die neuere Forschung immer klarer wird, was Traumatisierte benötigen und wünschen, sie wollen verstanden werden und eine vertrauensvolle und schützende Beziehung über einen längeren Zeitraum erleben.

Wenn es um die Begehung des Unfallortes geht oder wie beim Tsunami-Ereignis um den Ort der Katastrophe, dann ist der Unterschied von trauernden Hinterbliebenen zu den traumatisierten Trauernden, deutlich auszumachen. Die Trauernden, wie schon erwähnt, wollen so schnell wie möglich an den Ort des Geschehens, um Nähe zu spüren. Trauma­tisierte Trauernde können nicht schnell an den Ort des Geschehens, oder wenn, dann spüren sie große Verunsicherung, da sie Flashbacks befürchten.

Dies erlebte ich beispielsweise sehr deutlich in der Begleitung eines Vaters der Ramstein­katastrophe, der selber am Ort war, leichter verletzt überlebte, und dort seinen Sohn ver­loren hatte. Er wusste in den ersten Jahren nicht, ob er diesen Ort betreten wollte, oder nicht. Nach mehreren Gesprächen konnten wir das Traumageschehen wegdrängen, und er konnte sich ganz auf die Trauer um seinen Sohn konzentrieren. Dieses war nur in der Begleitung und dem Wissen möglich, welche Mechanismen hier hilfreich sind. Erst nach drei Jahren konnte er an die Aufschlagstelle mitkommen.

Bei der Vorbereitung zum 1. Jahrestag der Tsunami- Katastrophe waren für traumatisierte Trauernde viele Gespräche notwendig zur Klärung dessen, was sie dort am Ort erwarten könnte. Bei einigen Betroffenen war die Furcht, alles wieder so grausam erleben zu müs­sen, sehr groß und die unterstützende Begleitung  gewünscht. Viele waren aber für diesen ersten Jah­restag noch nicht bereit, dort hinzufahren.  

Erfahrungsgeleitete Hinweise zum Aufbau von Nachsorgegruppen:
Zeitpunkt:
Nach einem Großereignis sollte so schnell wie möglich mit der Nachsorge begonnen wer­den. Ein ideales Team ist: Therapeutin/Therapeut, Seelsorge und erfahrene Betroffene; Gäste von Polizei und anderen Helfern, die mit der Bewältigung des Ereignisses zu tun hatten. Gerade in der ersten Zeit nach der Katastrophe sind die Betroffenen mit den administrativen Aktivitäten beschäftigt und benötigen Beistand. Durch ihre eigene Lähmung in der Trauer oder Traumatisierung sind alle Anstrengungen für diese Formular­geschäfte besonders groß. Hier müssen wir Helfer sozialarbeiterische Elemente mit ein­beziehen. 

Das hat besondere Aspekte:
Einmal können diese Betroffenen andere Mitbetroffene kennen lernen und fühlen sich schnell verstanden und zugehörig.  Viele haben nach einem Großschadensereignis, in das zahlreiche Menschen involviert sind, das Bedürfnis, Gleichbetroffene kennen zu lernen. Sie wollen sich austauschen; Aktivitäten entwickeln, Gemeinsamkeiten spüren. Sie merken dann, dass sie sich nicht nur auf das eigene Leid konzentriert sind, sondern auch andere hören. Schilderungen Anderer zu hören, eröffnet die Möglichkeit, Beziehun­gen in einer Situation zu entwickeln, die der Vereinzelung entgegen wirkt. Menschen mit einer beginnenden abnormen Trauerreaktion können beraten werden, um sich Hilfe in Einzelbegleitung zu holen.

Die Betroffenen können die verschiedenen hilfreichen Rituale gemeinsam entwickeln, um die jeweils eigene Art der Trauer zu finden. Die Gruppe ist ein Ort, an dem die belasten­den Gefühle eingebracht und ausgedrückt werden können. Danach ist es den Menschen eher möglich eine Fassade innerhalb der Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Viele berichten, dass sie außerhalb der Gruppe ihre Gefühle schlecht zeigen können.

Nach einem Jahr beginnt diese Gruppe einen größeren Stellenwert zu bekommen. Die hier entstandenen Beziehungen sind gleichsam das Fundament, um außerhalb in der Berufswelt eher Normalität zu erlangen. Das so genannte Trauerjahr, das ihnen von der Gesellschaft zugestanden wird, ist zu Ende. In der Gruppe können die Betroffenen nun  mehr besprechen, wie es in ihrer inneren Welt aussieht. Hier erfahren die Trauernden, dass sie angenommen und nicht bewertet werden, denn andere reagieren ähnlich.

Nun kommen, ähnlich wie in der „Ramsteingruppe“, die Traumatisierten hinzu. Einige Traumati­sierte, oft auch körperlich Verletzte, können nicht unmittelbar nach einem Trauma in Nachsorgegruppen gehen, beispielsweise weil sie noch in medizinischer Behandlung sind.

Außerdem benötigen Traumatisierte zunächst einmal Stabilität und innere Sicherheit, die sie mit dem Bemühen, die alltägliche Welt aufrechtzuerhalten, herzustellen versuchen. Nur wenn die Teilnahme an einer Nachsorgegruppe mit Trauernden für sie einen Sinn erfüllt, sind sie bereit eher dabei zu sein. Ein Sinn kann sein: dass Trauernde von ihnen erfahren wollen, wie es an dem Ort gewesen ist, an dem ihre Angehörigen umgekommen sind. Sie wollen von ihnen wissen, was sie erlebt haben, wie sie es erlebt haben. Diese Schilderungen haben sehr große entlastende Funktionen. Die Phantasie von Hinterblie­benen bezüglich des Erlebens, der Schmerzen und allem Grausamen, was die Verstor­benen vielleicht erlebt haben, kann mit diesen Schilderungen in reale Bahnen gelenkt werden. Das hilft nicht gruselnden Phantasien weiter ausgesetzt zu bleiben. Traumati­sierte erleben in der Schilderung ihres Erlebten berechtigte Interessen der anderen Menschen. Dies ermöglicht es ihnen, zu erzählen und sie sind offensichtlich besser vor Flashbacks geschützt, als wenn sie ihre Erlebnisse (nicht betroffenen) Therapeuten erzählen sollen. Sie haben sich besser unter Kontrolle und steuern passender, was und wie sie es erzählen wollen. 

Einladung zu einer geleiteten Schicksalsgemeinschaft:
Die Einladung hilft den Betroffenen mit dem Gefühl: „ Es kümmert sich jemand um mich“.
Jeder sollte sich angesprochen fühlen. Die Einladung sollte neutral sein, um jedem einen Platz zu ermöglichen.
Es hat sich gezeigt, dass es auch nicht ratsam ist, Menschen nach den äußeren Umstän­den in verschiedene Gruppen zu unterteilen. Das gemeinsame Ereignis ist ausschlagge­bend; es ermöglicht heilsame Kontakte und gibt den Betroffenen die Möglichkeit, für an­dere Mitbetroffene Stütze und Helfer zu sein. Das bedeutet, dass unterschiedliche Helfer für eine Nachsorge benötigt werden.

Gruppenzusammensetzung:
Die unterschiedlichen Betroffenheiten können in einer gemischten Gruppenzusammen­setzung ihren „Platz“ finden.  

Äußere Gruppenstruktur:
Wir besprechen die gemeinsam, wie oft sich diese Gruppe trifft, wie lange sie zusammen sein will, wann und wie sich diese Gruppe trennen wird. Die Finanzierung spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Dies kann jedoch für finanziell schlecht gestellte Betroffene wichtig sein. Ist eine Finanzierung möglich, sollte sie in Anspruch genommen werden.

Innere Gruppenstruktur:
Die Gruppe legt eigene Gruppenregeln fest. Sie steuert die Themen und legt - wenn nötig - Untergruppenregelungen fest. Diese Regelungen können durch die Thematik entstehen.

Informationsaustausch:
Der Informationsaustausch spielt bei der Katastrophennachsorge am Anfang eine große Rolle. So wünschen die Betroffenen Informationen von behördlicher Seite, insbesondere Informationen der Polizei (wenn es sich um vermisste Personen handelt). Todesumstände wollen geklärt werden, damit die Phantasie nicht zu belastend wird. Das Katastrophenge­schehen will geklärt werden, damit nicht die Phantasie entsteht, es würde etwas vertuscht oder verheimlicht. Wir können Behördengänge erklären und unterstützen. Die Berichte der Medien spielen immer wieder eine große Rolle. Es besteht der Wunsch, alles zu sammeln und zu sehen, was über dieses Geschehen berichtet wird. 

Psychotherapeutische Hilfen:
Jeder Hinterbliebene wird in seinem eigenen Trauerprozeß unterstützt. Dadurch, dass wir die Todesumstände mit klären helfen, erfährt der Betrof­fene die Realität und so kann ein Abschied eingeleitet werden. Hieraus entwickeln sich heilsame Rituale. Wir können die Beziehungen zum Verstorbenen besprechen, und die Gruppe beschäftigt sich mit Photos und Aufzeichnungen sowie symbolischen Objekten des Verstorbenen. Die realistische Aufklärung über den Tod kann unter Umständen einer erschwerenden Trauerbewältigung vorbeugen. Für diese Unterstützung sind überlebende Betroffene hilfreich. Auch Träume und Schuldgefühle können in diesem geschützten Umfeld angesprochen und besser bewältigt werden. Traumatisierte Teilneh­mer (Überlebende) haben in dieser Gruppe eine Chance das eigene Tempo der Trau­maintegration zu bestimmen.

Durch das Hören der anderen kann langsameres eigenes Erinnern entstehen, in dem die inneren Bilder nicht so überwältigend sind. Durch wiederholtes Erzählen beginnt die innere Integration. Von großer Bedeutung ist dabei das Gefühl, verstanden zu werden.

In den Beziehungen, die in der Gruppe entstehen, werden, wie oben bereits dargestellt, die Rückzugstendenzen der Traumatisierten abgemildert. Sehr häufig entstehen durch permanentes Telefonieren unterstützende Kontakte. Diese Kontakte können dann für eine Jahresfeier am Ort des Geschehens von besonderer Bedeutung sein. In der Gruppe können die Betroffenen aktuelle Lebenssituationen und die beginnende Veränderungen besprechen. Für andere Gruppenteilnehmer kann sich in solchen Aussprachen die Chance entwickeln, Helfer für andere zu sein, um Lösungen zu finden. Das lässt die Kraft für die eigene Bewältigung wachsen und Betroffene fühlen sich nicht nur als Opfer. 
Traumatisierte benötigen den Kontakt zu Hinterbliebenen, um die eigene Überlebens­schuld bewältigen zu können. Nach anfänglicher Scheu, keinen anderen mehr gerettet zu haben, bedeutet der verständnisvolle Kontakt für die eigene Situation große Entlastung. Hinterbliebene wünschen sich ganz besonders den Kontakt zu jenen Überlebenden, die am selben Ort ihrer Verstorbenen gewesen sind. Sie sind das letzte Verbindungsglied zu den Verstorbenen. Betroffene suchen den Kontakt, um ihren Verstorbenen nahe zu sein. „Spurenlesen“ haben wir das genannt. Es braucht die­ses Hin- (Vergangenheit) und Her- (Zukunft) gehen, um ein entstandenes Loch in der Lebensbiographie wieder flicken zu können. In der Nachsorgegruppe gibt es Zeiten von Ablenkung und manchmal beginnende Freude. Nach anfänglichem Erschrecken entdecken die Betroffenen, dass diese Entwick­lung normal ist und sein darf, ohne dass Angehörige ein schlechtes Gewissen haben müssen. Diese Entwicklungen können dann einen normalen Verlauf nehmen, wenn Betroffene nicht bewertet werden, sie in ihrer eigenen Bewältigung gehört, verstanden und unterstützt werden.  

Hilfestellungen:
Innerhalb der Gruppe können die Betroffenen erkennen, dass es einzelne besonders schwer haben, die Ereignisse  verarbeiten zu können. Hier können Betroffene motiviert werden sich in Einzeltherapie zu begeben. In der Gruppe können wir ihnen  auch bei der Suche nach geeigneten Psychiatern, oder Psychologen helfen. Gezielt und zeitbegrenzt müssen evtl. auch Medikamente eingesetzt werden.

Weiteres Aufnehmen:
Mit der Nachsorge rasch zu beginnen, ermöglicht den Betroffenen, eine Gesprächs­runde zu finden, die in dieser Situation beziehungsfähig sind. Einzelne ziehen sich zunächst zurück und benötigen längere Zeit, um ein Bedürfnis nach Austausch zu spüren. Deshalb ist es für eine Gruppe wichtig, nach außen hin offen zu bleiben, um jederzeit andere Betroffene mit aufzunehmen. Kommen neue Betroffene zeitversetzt hinzu, ist es ein großer Gewinn für die Gruppe. Betroffene Trauernde spüren, wenn sie ihr eigenes Erle­ben wiederholt schildern, dass sie einen Schritt hin zur Verarbeitung gegangen sind. Erst in dieser Situation wird ihnen dieses selber bewusst. Andere spüren, dass ihnen das Erzählen des Erlebten schon etwas leichter fällt, was für eine Traumaintegration besonders wichtig ist. Immer wieder neue Teilnehmer/innen aufzunehmen, fördert die Kontaktfähigkeit und Fürsorge und verhindert die Vereinsamung nach Verlusten. 

Für manche Partnerschaften sind die Aussprachen in den Gruppen besonders wichtig, da Ehe/Beziehungen in der Zeit der Traumaintegration besonders großem Stress ausgesetzt sind. Die unter­schiedliche Trauer von Frauen und Männern ist für viele schwierig zu verstehen.

Insgesamt sind Nachsorgegruppen für die unterschiedlichsten Betroffenen eine Möglich­keit, besser mit Verlusten sowie Trauma umzugehen; jedoch sind Nachsorgegruppen ein Angebot, das nicht jedem zugänglich ist. Je offener wir Schicksalsgemeinschaften und Nachsorgegruppen in der Vorbereitung halten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, viele Menschen zu erreichen. Es zeigt sich, dass unser Gesundheitssystem durch diese Art der Hilfe entlastet wird und Betroffene weniger Einzeltherapien und medizinische Hilfen in Anspruch nehmen müssen. Für viele reicht diese Nachsorge aus. Sie können mit Hilfe dieser Gemeinschaft in die Gesellschaft zurück finden.

Zur Person:
Sybille Jatzko
Traumatherapie, EMDR, Trauerbegleitung, Katastrophennachsorge, Gesprächstherapeutin, Trägerin des Landesverdienstkreuzes und Bundesverdienstkreuzes. Seit über 20 Jahren  in der Begleitung und Therapie von Opfern und Hinterbliebenen tätig: u.a. Ramstein-Katastro­phe, Birgenair-Absturz, Kaprun, Djerba, Angehörigen von Erfurt, Attentat von Bali, Busun­glück in Hensis, Tsunami-Nachsorgegruppen und Therapie in einer Traumagruppe nach Unfällen, Überfällen, Geiselnahme, Gasexplosionen, Bahngleisunfällen. Gründung von Schicksals- und Hinterbliebenengemeinschaften.


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