Ein besonderes Beispiel für nachhaltige Notfallseelsorge  

Dateidownload
19.Jahrestag von Olaf Schaper

Olaf Schaper betreut seit 19 Jahren die Hinterbliebenen des Birgenair Flugzeugabstuzes in der Dominikanischen Republik 7.2.1996 

 

Lebensringe

.. Rainer Maria Rilke"
Gedenkgottesdienst in Frankfurt

Bäume sind wie Menschen, sie brauchen Zeit, um zu wachsen, brauchen Zeit um zu werden, was sie sind. Sie brauchen Raum, Licht und Freiheit, um sich zu ihrer je eigenen Gestalt entwickeln zu können, um sich entfalten zu  können.

Die Schnittfläche eines Baumes verrätviel über seine Lebensjahre, es ist eine unverwechselbare Note dieses Baumes, wie ein Fingerabdruck.

Mal legen sich die Jahresringe enganeinander, mal wächst zwischen ihnen der Abstand. Risse durchziehen die Kreise. Aber der Baum wächst, Ring um Ring, unbeirrbar weiter.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ihr haltet das Bild einer Baumscheibe inden Händen, es ist faszinierend mit den Fingern über echtes Holz zu streichen und zu versuchen, die Jahresringe zu zählen.

Was hat dieser Baum nichtschon alles erlebt? Was weiß eine alte Buche oder Eiche über vergangene Zeiten, was rauscht davon in ihren Kronen?
Bäume sind wie Menschen, sagt Rainer Maria Rilke.

                              Wachsende Ringe

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang.

Ich weiß noch nicht: Bin ich Falke, ein Sturm
Oder ein großer Gesang.

                                 Rainer Maria Rilke

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehen. Erfahrungen, Geschichten, die das Leben schrieb, sind die Jahresringe der Menschen. Sie wachsen von Jahr zu Jahr. Sie liegen nicht so offen zutage wie
bei der Baumscheibe, doch mit den entstandenen Ringen sind wir untrennbar verbunden.

Es ist uns ins Gesicht geschrieben  

Wenn man genau hinsieht, dann gibt essie doch die Ringe in unserer  

Lebensbaumscheibe.

Das Leben hat sie uns eingezeichnet. Ja,ja sie sind gegen den Trend und gegen den Schönheitswahn unserer Gesellschaft: Wir haben Falten um Auge und Mundwinkel und sie werden mehr.

Du kannst sie liften und glätten, esgibt face lifting Kliniken,
Gesichtsstraffung durch Ärztehand gegen Bares.

Aber die Erfahrungen, die schönsten unddie schlimmsten, überhaupt alle Erfahrungen kannst Du nicht glätten, abstreifen, tilgen, sie gehören zu unserem Leben, sind untrennbar mit uns verbunden.Sie haben uns geprägt, ja auch gezeichnet.Das Leben geht nicht spurlos, nichtaalglatt an uns vorüber. Wie gut. Schließen wir doch Frieden mit unseren Falten, Erfahrungen, Rissen, Schmerzen, Erlebnissen. Sie sind da, gehören jetzt unwiderrufbar zu
unserem Leben, soll es Gott und die Welt ruhig sehen. Wir haben gelebt und leben noch. Trotz allem, gerade deswegen.

Und das hinterlässt Spuren, sie gehören zu uns wie ein Fingerabdruck.
Damit kann man sich sehen lassen. "Dieser Menschen hat etwas erlebt und ist nicht daran zerbrochen!"

Wenn um den Mundwinkel Falten entstehen,Krähenfüße an unseren Augen, dann zeugen sie davon, dass viel in unserem Leben geschehen ist. Dass wir gereift sind, und die vielen Erfahrungen, die uns zu dem gemacht
haben, der wir heute sind. Unabänderlich!

Wir können unser Leben ehnicht ungeschehen machen, einen Strich drunter und neu anfangen.

Kurt Marti sagt dazu:

11 Du kannst Dein Leben nicht verlängern oder verbreitern nur vertiefen!"

Es ist uns ins Gesichtgeschrieben. Wer sensibel ist, dem bleibt es nicht verborgen.

Da steht einiges geschrieben, wie ineinem Buch: Dort steht die Trauer geschrieben, die Trauer um den Menschen, den Ihr abrupt los lassen musstet, da steht die Trauerbegleitung und Trauerverarbeitung geschrieben, die vielen Begegnungen, die Schicksalsgemeinschaft, das
Finden einer neuen großen Familie darf ich das sagen?

Tragfähige Beziehungen sind entstanden,das Schicksal hat Euch zusammengeschweißt, und ihr habt Ja dazu gesagt, habt Euch zu Hochzeiten eingeladen, habt an dem Tod des ein oder anderen aus unserer Gemeinschaft Anteil genommen. Mini kleine Fältchen kamen hinzu, Ring um
Ring, Lebensringe, wer in der Lage ist genau hinzusehen, dem bleibt es nicht verborgen.

Wovon ich als Christ überzeugt bin, ist,dass Gott es ist, dem nicht das

kleinste Fältchen verborgen bleibt. Der unser Leben kennt und begleitet. Wir sind bei Gott gut aufgehoben, unsere Wurzeln waren auch in den
schlimmsten Stunden nicht gekappt, waren nah an den Wasserbächen, unvorstellbar damals, aber die Wasserbäche waren da, unmerklich, aber sonst hättet Ihr das nicht seelisch überlebt.

"Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht gerät wohl".   Psalm 1,3

Der ist wie ein Baum fest verwurzelt,der von Gott nicht lässt, der ihm abverlangt, sich nicht abzuwenden, wenn der Schmerz unerträglich ist. Ich glaube, Gott hat sich nicht abgewandt. Er war da. Und Eure Gemeinschaft
hat Früchte getragen, ihr seid nicht verwelkt. DasSchicksal hat Euch gezeichnet, aber Eure Zusammenkünfte waren gedeihlich, heilsam, lindernd ,fruchtbar, nicht getrennt von den Wasserbächen.Nichts geht verloren, Ring für Ringsteht für gelebtes und erlittenes Leben. Lebensringe in der Baumscheibe.Baumringe nicht löschbar

An den Jahresringen des Baumes in mir, lässtsich meine ureigene Geschichte ablesen. Schonungslos, kein Ring kann übertüncht werden. Unser ganzes bisheriges Leben liegt in der Baumscheibe vor uns. Wichtige Augenblicke sind darin tief aufgehoben, sie sind lebendig bis auf den
heutigen Tag. Ihr wisst noch genau, wie es damals war als Ihr die Nachricht bekamt am 7.2.1996, aber Ihr wisst auch noch genau,wer oder was Euch gut getan hat, in der ersten schweren Zeit.Wenn wir uns vor Augen führen, dass der Baum Ring um Ring wächst, und wir die Baumscheibe anfassen, verstehen wir, sie ist stark, hart sehr hartes Holz geworden. Das trägt, da geht nichts verloren. Eine schöne Vorstellung, nichts geht verloren von unserem reichenLebensschatz, er ist in der Baumscheibe fest und hart eingewoben. Kann nicht vom Winde verwehen. Es geht nichts verloren von dem was wir erlebt haben und was uns jetzt, heute auszeichnet.

Der Baumscheibe ist der ganz persönlicher Fingerabdruck meines Lebens.

Wie geht unser Leben weiter, wie nehmenwir den nächsten und den

übernächsten Ring an, dankbar? ohne Zittern? Wie Dietrich Bonhoeffer in von guten Mächten' sagt? Oder bäumen wir uns auf, mit Widerstand und Unbehagen? Und wie ist es mit es mit dem letzten Ring?

Rilke:" Ich werde den letzten Ring vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn!"

Eine Hommage zu leben und zu kämpfen biszuletzt. Immer mehr Menschen votieren bei schwerer Krankheit, in die Schweiz gebracht zuwerden. Versehrtes Leben zu beenden, das selbst in die Hand zu nehmen. "Humane Sterbehilfe"

" Ich werde den letzten Ringvielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn!"

Rilke hält mutig dagegen. Leben biszuletzt, das Motto der Hospize.Rilke sagt doch im Grunde, dass dasLeben in den entscheidenden Momenten für uns unverfügbar ist. - Wann und ob wir uns verlieben, ob wir gesund bleiben, von Schicksalsschlägen und Hiobsbotschaften verschont
bleiben, liegt nicht allein in unserer Hand. Manche Lebens Ringe können wir nur bruchstückhaft gestalten. "Vielleicht werde ich ihn nicht vollbringen.
Vielleicht gibt es etwas in meinem Leben, was ich nichtzum Abschluss bringen kann. Wie viele Künstler und Musiker haben eines ihrer letzten Werke "die Unvollendete" genannt.

Eigentlich können wir ganz ruhig sein,es ist Gottes ureigene Aufgabe, wie nach Ende der Schöpfung am 7. Tage selbst als Schöpfer alles abzurunden:

In der Genesis, 1. Buch Mose heißt es dann: Gott sah an, was er geschaffen hatte und siehe es war sehr gut.

Und dennoch, einige Lebensringe inunserem Leben entstehen nicht von selbst, wir tragen Verantwortung dafür, an welcher Lebensgabelung abbiegen, welchen Weg wir nehmen, wir müssen uns entscheiden, links und
rechts gehen geht nicht.Leben heißt Entscheidung: Welchen Berufhaben wir ergriffen, für welchen Partner haben wir uns entschieden? Wo möchten wir wie leben.Wie möchte ich mit Trauer, die einen Riss in die Baumscheibe reißt, leben J
umgehen? Hinschauen oder wegschauen. Mich dem Schmerz stellen und ihn anderen zeigen, oder mich ins Schneckenhaus zurückziehen?Wir tragen also auch Verantwortung fürdie Gestalt der Ringe unseres
Lebens. Wie lieben wir, wie trauen wir, wir verarbeiten wir? Oder lassen wir einen Ring in unserer Baumscheibe einfach unversorgt, wir schauen da einfach nicht hin, weil es unbequem und unangenehm ist?! Väterchen Verdrängung.

Es ist am Ende gut so, wie mein Lebenwar, kein Ring, kein Riss gehört zu

mir. Hat mich geformt, geprägt,verändert, stark gemacht. Wievielmal musste der Baum in mir, dem Sturm trotzen. Wie oft ist er jedes Jahr im Frühling neu ausgeschlagen, ist geknospt, Frühlingsgefühle haben uns doch
fühlen lassen, es ist schön das Leben, hell, farbig, leicht..

Abschluss:Wir können getrost unsere Jahre inGottes Hände geben und uns auf neuen Frühling und neue Verästelungen in unserem Leben freuen, bis zuletzt.
Beim Frühling im März; April uns auf unsere neuen Triebe, auf ein neues Jahr freuen, auf Leben, Begegnung. Gesundheit.Wir können getrost unsere Jahresringe mit all ihren Erfahrungen in Gottes Hand legen. In Gottes Händen wird aus vielen Bruchstückenunseres Tuns und aus vielen Rissen in der Baumscheibe ein Ganzes.So bruchstückhaft unser Leben auch waroder ist, soviel ich in meinem
Leben auch um den uralten Turm kreise, wie Rilke sagt, um Verstehen ringe, ist es die Erkenntnis doch die; dass ich vieles nicht verstehe. Weise ist, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und Weise auch, dass ich
nicht alles verstehen muss, fest hoffe ich, dass Gott die Abrundung unserer je eigenen Lebens übernimmt.

Das lässt mich ruhig werden, gibt mirGelassenheit, Geborgenheit Gottes ist, der fürsorglich für uns ist, wie der alte Baum für das kleine Mädchen Mein
Freund der Baum!

Ich weiß nicht bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.
Rilkes Gedicht endet mit offenen Fragen

Er weiß nicht am Ende wer er ist. Aberein Falke sein, ein Sturm, ein Gesang, beflügelt mich, alles ist erhaben, voller Kraft und Energie. Eins von den drein werde ich schon sein.

Es macht uns menschlich, dass wir Fragenhaben, auf die wir keine Antwort wissen. Aber von der Mitte des Baumes aus, ist Wachstum möglich, Jahr um Jahr, Ring für Ring. Alles was sich zuträgt wird Erfahrung. Die Erfahrung legt sich um uns wie die Jahresringe eines Baumes. Nichts ist sinnlos, nichts
war umsonst. Alles ist aufgehoben bei dem, der unsere Ringe abrundet und den letzten Ring mit uns vollbringen wird.

Der Baum

Ich wachse langsam. Meine Zeit ist eine lange Geduldigkeit.
An jedem wuchs ich, was mir ward,

kein Reif zu jäh, kein Frost zu hart.

Ich wachse am Dunkel, daraus ich stieg,
ich wachse am Licht, darin ich mich wieg
.

Ich wachse am Wurm, deran mir nagt,
ich wachse am Sturm der durch mich jagt.

Verwandelnd zwing ichjede Kraft
Hinauf zu denen me
inen Schaft
Ich dulde Blitz, und Glut und Guss,

ich weiß nur, dass ich wachsen muss.

So schau ich hoch aufalle Welt.

Und kommt die Stunde, die mich fällt,
schmück Tempel ich und Paradies des Gottes,
der mich wachsen ließ.

Ernst Bertram


Ansprache von Olaf Schaper